Fragen - Nr. 5

Vielleicht mehr Stilblüte als Fragen für den Bibliothekar, aber egal :-)

Da ich heut ständig über schmunzelwürdige Kuriositäten stolpere - zum Beispiel ein Buch, dass sich "Anleitung zur Kunstkennerschaft oder Kunst, in drei Stunden ein Kenner zu werden" nennt (von 1834) - wollte ich euch die folgende Stilblüte nicht vorenthalten.

"Ich würde bei der Kinderführung gern das Hexenbuch zeigen. Würden Sie es mir bereit legen?"


NEIN!
Nein, nein, nein, nein!

Weshalb ich in diesem Fall so abweisend reagiere?
Nun, ich arbeite in einer Museumsbibliothek. Zu den Ausstellungsstücken der meisten Museen gehören natürlich auch Bücher. Im 19. Jahrhundert noch mehr als heute.
Dabei war es gar nicht so wichtig ob das Buch einen kunst- oder kulturhistorischen Wert an sich hatte, sondern wesentlich mehr Augenmerk wurde auf die Ausstattung desselben gelegt. So lagern in unserem Tresor neben Bibeln aus dem 15. Jahrhundert auch simple Gebetbücher aus dem 18. Jahrhundert, die nur deshalb eingekauft wurden, weil sie einen besonders hübschen Einband haben. In den Tiefen des Magazins ruhen auch noch regelrecht ausgeschlachtete Bücher. Haufenweise Leder-, Samt- und pergamentene Einbände ohne Buchblock. Durch Staub und falsche Lagerung völlig hinüber. Einem Bibliotheksdrachen drehen sich beim Anblick dieser armen Krüppel der Magen um.

Irgendwann beschloss man statt Büchern bzw. deren Einbände und Illustrationen doch lieber Skulpturen, Gemälde und Gerätschaften auszustellen und die Bücher in die hauseigene Bibliothek zu übersiedeln. Und auf diesem Wege kam eben auch "das Hexenbuch" in unseren Besitz.

Es handelt sich dabei um ein Grimoire.
Hübsch okult mit weißer Schrift auf schwarzen Seiten, seitengroßen Illustrationen und unleserlichem Kauderwelsch, der sich aus altdeutscher Sprache, Runen, Hieroglyphen und Gekrakel zusammensetzt. Zusammen mit der Anweisung man möge nur ja nichts verkehrt aussprechen, weil einen sonst der Teufel hole.
Laut "Klappentext" wären es die Zaubersprüche des Dr. Faustus und 1421 geschrieben worden.
Völliger Unfug. Allein die Bekleidung der dargestellten Zauberer lässt eher auf das 17. Jahrhundert schließen.

Nun war es mit den Grimoires dieser Zeit ähnlich wie mit den "Zauberbüchern" der Jetztzeit. Sie wurden von Hand zu Hand gegeben. Von einer Freundin zur nächsten - verbunden mit dem Nervenkitzel dabei erwischt zu werden.
Aber was heute höchstens mit einer elterlichen Standpauke und "Ich will nicht, dass du dich mit Okultismus beschäftigst!" bestraft wird, konnte damals durchaus tödlich enden. Vor allem wenn man bedenkt, dass unser Exemplar aus Bamberg stammt.

Dieses Buch wurde jahrzehntelang gelesen, versteckt, weitergegeben, mit Anmerkungen versehen, benutzt ...
Grob gesprochen: Das Teil fällt auseinander.
Verwischte Schrift, lose Seiten, bröselnder Buchblock und durch jahrelange Ausstellung im Museum sind auch die Zeichnungen (besonders die des Teufels) verblasst.

Nein, so etwas gebe ich nicht raus, damit dreißig - bestimmt hochinteressierte - Kinder es mal kurz anschauen können. Beim Anschauen bleibt es nämlich nicht. Solche Sachen will man "begreifen".

Die Frage: "Können Sie das nicht schnell reparieren?" musste ich auch mit Nein beantworten. Die Ausbildung zum Buchbinder habe ich leider nicht eingeschlagen und selbst unser altgedienter Meisterbinder hat sich nicht an diese Sammlung loser Blätter herangetraut.

Auf Büchern wie diesem hocke ich wirklich wie ein Drache auf seinem Schatz.

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