Dienstag, 16. Februar 2010

Poetische Fundstücke

Poesiealbum meiner Oma, Eintrag von 1949:
Quält dich in der Brust
Das böse Wort „Ich muss“,
so denke nur ganz still
das stolze Wort „Ich will“.
Poesiealbum meiner Mutter, Eintrag von 1977:
Lebe glücklich, lebe heiter
Küsse Buben und so weiter.
Denn schon die 12 Aposteln schrieben
Du sollst deinen nächsten lieben.
Mein Poesiealbum, Eintrag von 1993
Lebe glücklich, lebe heiter,
wie der Spatz am Blitzableiter.

Fast jedes Mädchen hatte irgendwann einmal ein Poesiealbum in dem sich Freunde, Verwandte, Lehrer und liebe Bekannte verewigten. Ein Spruch pro Seite und das ganze meistens mit Stickern, Zeichnungen oder kitschigen Poesiealben-Bildchen verschönert. Sehr gerne auch mit reichlich Glitzer behaftet.

Bis vor Kurzem hielt ich das Poesiealbum für eine relativ „moderne“ Sitte. Ich ging davon aus, dass das früheste Poesiealbum aus der Zeit meiner Groß- oder maximal Urgroßmutter stammt.
Doch nun wurde ich eines Besseren belehrt. Denn unsere kleine Museumsbibliothek ist auch nach vielen Jahren noch für Überraschungen gut.

In einer unscheinbaren Schachtel, versteckt hinter Handschriften, frühen Drucken und Raritäten lagerten Poesiealben aus den vergangenen fünf Jahrhunderten.
Aufgeregt wie ein Archäologe, der soeben ein vollständig erhaltenes Pharaonengrab entdeckt hat, blätterte ich durch vergilbte Seiten, stolperte über lateinische Sprüche, kunstvolle Miniaturmalereien und hunderte unbekannte Namen.

Und auch über folgenden Spruch, den ein junger Mann seinem Studienkommilitonen mit schwungvoller Feder ins Büchlein geschrieben hat.

„Lustig glebt, selig gstorben,
heißt dem Teufel sein Konzept verdorben.“

Altdorf, 3. Juni 1702

Poesiealbum

Übrigens: Das kurioseste Poesiealbum, dass ich gefunden habe, ist 8 cm breit und 2 cm hoch, in rosa Seide gebunden und mit silbern geprägten Initialen versehen. Und als wär das nicht schon außergewöhnlich genug, finden sich auf diesen Däumelinchenseiten zwei bis sechszeilige Einträge in drei verschiedenen Sprachen und Aquarellmalereien von unglaublicher Detailversessenheit.
Respekt!

Fragen, die nur ein Bibliothekar beantworten kann - Nr. 2

Fragen, die nur... Ach, mach ma's kurz. F.d.n.e.B.b.k. -

Frage Nummer 2:

„Ach, wie schön! Als Bibliothekarin kannst du bestimmt viel lesen, oder?“

Zwei Dinge fallen an diesem Satz auf.

1. Jedermann findet es schön eine Bibliothekarin kennen zu lernen, bzw. stellt sich den Beruf der Bibliothekarin schön vor.

2. Der Fragesteller geht offenbar davon aus, dass ein Bibliothekar sehr viele Bücher liest. Vielleicht sogar, dass diese Tätigkeit die Quintessenz des bibliothekarischen Alltags darstellt.

Zum ersten Punkt:
Ja, der Beruf des Bibliothekars ist schön, erfüllend, bisweilen spannend, mal stressig, mal ruhig und meines Erachtens auch sehr, sehr wichtig.
Immerhin sind wir diejenigen, welche das Wissen der Welt der Allgemeinheit zugänglich machen. Wir be- und verwahren Wissen ebenso wie wir Papier gewordenen Fantasien ein Heim bieten. In Bibliotheken treffen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft aufeinander. Eine zu Papier gebrachte Idee, eine zwischen zwei Buchdeckel gepresste Fantasie hat die Fähigkeit die Welt wie wir sie kennen für immer zu verändern.

Um Beweise für diese These zu finden, müssen wir noch nicht einmal allzu weit in der Geschichte zurückgehen.
Seitdem es geschrieben wurde bis weit ins Mittelalter hinein hat Ptolemäus’ Werk Almagest die Wissenschaft nachhaltig beeinflusst. (Ptolemäus war übrigens auch Bibliothekar)

Goethes „Die Leiden des jungen Werther“ hatte unglaubliche Auswirkungen auf das alltägliche Leben. Es gab Werther-Tassen, Werther-Mode, Werther-Parfüm, Werther-Tabakdosen – ja, traurigerweise auch Werther-Selbstmorde. Fans, die sich mit der Figur Werthers dermaßen identifizierten, dass sie im blauen Frack mit gelber Weste bekleidet ihrem Leben ein Ende setzten.

Und dieser Hype lässt sich auch gegenwärtig beobachten. Oder kommt irgendjemand von uns derzeit an Vampiren vorbei?
Würde Van Helsing aus seinem Roman klettern, er würde panisch nach seinem Holzpflock suchen und in Knoblauchöl baden.

Bücher beeinflussen die Welt weit mehr, als Filme oder Bilder es jemals könnten. Sie können Kriege ebenso auslösen und unterstützen wie beenden und verhindern. Jahrtausende alte Kulturen stützen sich auf das geschriebene Wort. In mindestens einer sehr einflussreichen Glaubensrichtung *hüstel* heißt es sogar: „Am Anfang war das Wort.“

Wenn einem all das bewusst wird, fühlt man sich als Bibliothekarin wie ein Gralswächter. Wir hüten etwas unglaublich Mächtiges – aber es ist weder geheim, noch verwehren wir jemandem den Zutritt dazu. Und das ist das wirklich Schöne an diesem Beruf.


Zum zweiten Punkt:
Nein, ein Bibliothekar liest nicht den ganzen Tag.
Zumindest nicht in der Form, in der der Fragende sich das vorstellt.

Die jährlichen Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt sind viel zu zahlreich, als dass wir jedes Buch lesen könnten. Lesen – im Sinne von entspannt zurücklehnen, Buch aufschlagen, schmökern, Schachtelsätze genießen – zählt nicht zu den Aufgaben eines Bibliothekars.

Unsere Aufgabe besteht darin, Bücher formal und sachlich zu erschließen. Wir bringen ein Buch in eine such- und vor allem findbare Form.
Und wie das geht, erzähle ich euch morgen. ;-D

Euer Drache1

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Wer wir sind

Wir sind zwei Bibliotheksassistentinnen, im Volksmund auch "Bibliotheksdrachen" genannt, aus Bayern. Drache1 arbeitet in einer kleinen Museumsbibliothek, während Drache2 in einer großen Universitätsbibliothek arbeitet. Beide Bibliotheken möchten wir aus Gründen der Anonymität nicht mit Namen nennen.

Was wir wollen

Wir möchten mit diesem Blog über die Arbeit, die Bibliotheken und Bibliothekare tagtäglich leisten, berichten. Außerdem möchten wir Lesetipps geben, besonders schöne Bibliotheken vorstellen und Vorurteile gegen unseren Berufsstand entweder bestätigen oder hinwegfegen ;-D

Wieso "Bibliotheksdrachen"?

Verzweifelter Ausruf eines angehenden Doktoranden: "Je älter und wertvoller das Buch, desto größer der Drache, der es bewacht."

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Zuletzt aktualisiert: 11. Apr, 10:14

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